Stimmt die Haltung?

November 23rd, 2016

 

Der Weg des Reiters

Der Weg des Reiters

Wir halten die Pferde korrekt, oder artgerecht auf Wiese mit Offenstall, oder Box mit Weide. Beim Reiten achten wir auf gute Selbsthaltung, und dass der Kopf sich nicht hinter die Senkrechte aufrollt. Auch die Haltung des Reiters zu Pferd ist wichtig. Aufrecht wie vor dem Regiment. Oder als ob man einen Stock verschluckt hätte? Augen geradeaus, nicht zu Boden schauen, sonst stolpert das Pferd. Haltung bewahren. Reiten wir zum Spaß und zur Entspannung? Oder nehmen wir es bierernst mit unseren Zielen? Bewahren wir sportlich Ehrgeiz und Haltung? Oder wollen wir das Pferd nur gesund erhalten und deshalb zur höchsten Versammlung bewegen? Ist die eine Einstellung nicht so verkrampft wie die andere? Wie widersinnig, verbissen an Harmonie oder Légèreté arbeiten zu wollen…

Welche Haltung zum Pferd nehmen wir innerlich ein? Schauen wir noch achtsam hin, und sind fähig und offen um kleinste Veränderungen zu bemerken, oder wissen wir schon alles auswendig, und es gibt uns nichts neues mehr?

Beim Reiten oder im Umgang mit dem Pferd “ganz bei der Sache sein”, kann Unfälle und unangenehme Überraschungen vermeiden.

Kein Grübeln, warum etwas nicht geklappt hat. Der Sitz des Problem ist meist im Sattel. Kein “Hoffentlich falle ich nicht vom Pferd” (Dein Gedanke könnte wahr werden). Der Sinn des Übens: Frei zu werden von Technik. Aus dem Bauch heraus entscheiden zu können. Wie ein japanischer Schwertkämpfer, der Schläge von 10 Gegnern gleichzeitig pariert. Voraussetzung dazu ist offener, unabgelenkter Geist und ruhiges Atmen. Denken ohne zu denken. Spüre das Zen und die Harmonie mit der Welt beim Ausmisten der Pferdebox. Oder Tao?

Das Pferd lebt ganz im Hier und Jetzt. Und wir? Keine Absichten verfolgen, sich selbst zurücknehmen. Heilige Stille in der Reitbahn, außer vielleicht, man ist allein und stört niemand durch Schnalzen oder sanftes Reden mit dem Pferd. Kein Smartphone, keine Zigarette, kein Kleinkind plus zwei Hunde an der anderen Hand im Stall. Nicht bevor alles getan ist. “Bin ich bei der Morgenarbeit nicht eins mit dem Pferd gewesen, unterschreibe ich an dem Tag kein wichtiges Dokument“, soll Dressurchampion und Konzernchef Neckermann einst gesagt haben. Wie recht er hatte. Und Nuno Oliveira: “Wer auf dem Pferd arbeitet, hat den Sinn des Reitens schon verloren“.

Das beste Pferd

März 13th, 2015
Khorsheet mit Valeria

Khorsheet mit Valeria

Mittlerweile habe ich Khorsheet fast 4 Jahre. Im letzten Jahr 7 Distanzritt-, 5 Wanderritt-, und 22 Urlaubsfahrt-Tage. In 2013 ähnlich viel. Seit über 10 Jahren war ich nicht mehr soviel unterwegs.

Auch im Alltag ist sie das beste Pferd und immerwährender Quell der Freude. Temperamentvoll und lustig, manchmal fast wie ein Junghengst verspielt, aber trotzdem ruhig. Lässt sich auch von unserer 9-jährigen Tochter bestens reiten. Sehr gute Balance. Raumgreifender Schritt, schwebendleichter Trab. Lässig im Canter, fliegende Galoppwechsel inklusive, sogar mit mir als Reiter im Sattel (aber nicht auf Kommando). Ein bißchen guckig und leicht abzulenken besonders auf gutbekannten Wegen. Aber in unbekanntem Gelände sehr cool und eine Lebensversicherung. Bei Schwierigkeiten und Hindernissen denkt sie mit. Mit ihrer Schläue, Vorsicht, und den kleinen scharfen Hufen das sicherste Pferd der Welt bei Schnee und Eis. Auf über 10.000 gerittenen KM, und nochmal 5.000km als Handpferd vielleicht 2-3 mal kleine Kratzer an den Beinen. Das hat beim Araber Seltenheitswert. Gelahmt hat sie noch nie.

Vor zwei Tagen ritt ich an ein paar Rollen Wildschutzdraht vorbei, die aufgewickelt am Rand des Waldwegs lagen. So etwas liebt sie gar nicht, guckte schon von weitem und machte einen Extra-Bogen. “Das ist SEHR gefährlich wenn Pferde da reintreten, weißt Du das?” schien sie mir sagen zu wollen. Im Vogelsberg, 2012, trat Zarah in eingewachsenen Wildzaun, verfing sich gleichzeitig mit zwei Hufeisen drin und ging zu Boden. Sie selbst ein Schritt dahinter, trat in den gleichen Draht und riss sich ein Hufeisen ab, kam sofort frei. Wie immer, Glückspilz.

Auf unserem ersten Distanzritt, der Grastälerpassage 2013, bekam ich übrigens noch einen Tipp, wodurch mir für dieses Pferd das schier unmögliche gelang, was einer bekannten Pferdeanwältin vorher nicht gelungen war, nämlich 10 Jahre nach ihrem in-utero-Import noch volle Papiere zu erhalten. Und zwar nur, weil der “Exportvorgang” der Mutterstute aufgrund des Konkurses eines US-Verbands unvollendet geblieben war, ich Khorsheets’ Deckschein und einen Haufen anderer Schriftstücke hatte, und sich DNA-Karten von Mutter und Vater in den USA fanden. Natürlich kostete mich das nochmal eine ganze Stange Geld und einigen Schriftverkehr. Aber sie ist es wert. Sie ist ein wirklich gutes Pferd, das volle Papiere verdient, und es wäre schade wenn ihre Anlagen nicht erhalten blieben. Zumal die Linien in Deutschland selten sind.

Sie ist nett zu allen, geht gut vorwärts ohne zu rasen. Macht sich überall nur Freunde. Was für ein hübsches, nettes Pferd. Wie typvoll. Und ist dabei so ponyhaft. “Die gefällt mir total gut, weil sie nicht so einen hässlichen Kopf hat wie die anderen Araber” (2014 über Khorsheet, von Anne, Ponyreiterin). Zu anderen Pferden ist sie super-freundlich; so ist einfach ihre Art. Damit hatte sie ja auch mich bezaubert: Ihrem naiv-freundlichen Wesen, wie bei einer Zweijährigen, die noch nie etwas schlimmes erlebt hat. — Doch, ich hab sie mir verdient, genauso wie sie ist. Denn sie darf bei mir genauso sein wie sie ist. Sie würde im übrigen an sich auch nicht herumerziehen lassen, darauf reagiert sie allergisch, und mit Recht…

Etwas das mich beeindruckt hat, geschah auf einem Mehrtagesritt im Herbst, 2. Tag, kurz vor dem ersten Stop, etwa nach 20km : Sie hatte beschlossen, es wäre Zeit richtig zu saufen bei der beginnenden Mittagswärme, eine sehr gute Idee. Die übrige Spitzengruppe, 5 Reiter, hielten nicht an, sondern ritten weiter; es war ja nicht mehr weit zum Stop. Khorsheet ließ sich nicht im mindesten abhalten den ganzen Eimer in aller Ruhe leer zu trinken. Und dann, im ruhigen Canter, den anderen Pferden nachzusetzen. Sie wusste genau: Ich krieg die wieder, auf der halben Arschbacke. 95% aller hochblütigen Pferde hätten hier einen Riesen-Stress gemacht: “Hilfe, ich werde alleingelassen!”

Drei Distanzritte bin ich mit ihr 2014 gegangen, alles Mehrtagesritte. Das war bewusst so entschieden, denn abgesehen davon dass das die wahren Distanzritte sind, wollte ich nicht dass sie sich angewöhnt immer gleich loszurasen. Am ersten Tag der Pfingst-Tour-West (einem schweren Ritt bei Trier) wollte sie am Anfang mit der Spitzengruppe mitrennen, war schon schweißgebadet, und ich hatte einige Mühe sie zu beruhigen, stieg dann irgendwann ab und führte ein paar KM. Der zweite Tag begann wie der erste, aber urplötzlich machte es bei ihr “Klick”, sie ließ die anderen gehen, wurde langsamer und canterte ruhig am langen Zügel hinterher, als dächte sie: “Ach, das sind ja wieder nur die ganz Schnellen, mit denen muss ich ja gar nicht laufen!” – Das ist der Lerneffekt den nur Mehrtagesritte bieten! Besitzer von Durchschnittspferden, die über jede Fremdmotivation froh sind, können sich gar nicht vorstellen wie lästig dieses Problem werden kann.

Auf unseren Wanderfahrten, wo wir mit Zugfahrzeug und Hänger unterwegs sind, und Tagestouren machen, geht sie auch sehr schön, und ist im Lager ein perfekt ruhiges, zufriedenes und anhängliches Pferdchen, genau wie früher meine Ligeira. Auch da hatte ich ein Schlüsselerlebnis, auf unserer ersten Alleinfahrt in den Pfälzerwald (Oktober 2012). Auf der Hinfahrt stand sie noch vor lauter Aufregung nassgeschwitzt im Hänger. Wir verlegten das Lager in 5 Tagen dreimal, jedes mal ein kurzes Stück fahrend, am Ende schwitzte sie im Hänger dann nicht mehr. – Und am letzten Morgen standen wir auf einer kleinen Wiese vor einem alten denkmalgeschützten Hof, wo die Landwirtschaft längst aufgegeben war. Der Besitzer zeigte mir seinen 60 Jahre alten Citroen, und wollte sich zum Abschied noch mein Pferd angucken. Ich zeigte es ihm und erklärte ihm kurz Rasse, Reitweise usw., und mein Gastgeber, der mit Pferden überhaupt nichts zu tun hatte, war auch von ihrer handlichen Größe angetan. Khorsheet stand am langen Seil an einen alten Obstbaum gebunden, graste in unserer Nähe und schien zu merken dass über sie gesprochen wurde. Just in dem Moment kam eine Reitergruppe mit 4-5 Pferden dicht vorbeigeritten. Mein Gastgeber bemerkte: “Das ist auch etwas, was mir an diesem Pferd gefällt. Man kennt es doch, dass Pferde mitlaufen wollen wenn andere vorbei reiten. Ihre bleibt aber völlig ruhig stehen und frisst einfach weiter”.

Mich hatte die Szene sicher noch stärker beeindruckt, und das einzige was ich zur Antwort gab, war “Die weiß eben genau wo sie hingehört”

Es sind immer die anderen

Januar 20th, 2015

Vor 80 Jahren hatte Deutschland einen Riesen Haufen Probleme, und Schuld war angeblich die drohende “Verjudung”…

Heute hat Deutschland wieder einen Haufen Probleme, und diesmal soll es die “Islamisierung” sein??

Müssen erst Braunhemden durch die Straßen grölen und Schaufenster beim Dönermann oder Obsthändler einschlagen, damit die Parallelität offensichtlich wird?

Leider hat es für manchen etwas verlockendes, ethnischen Minderheiten die Schuld zu geben. Aber was würde besser, wenn wir sie, diesmal halt die Moslems, zum “verschwinden” bringen würden?

Würden wir unsere Rechnungen und Kredite (privat, und als Staat) übermorgen besser bezahlen können? Wären unsere Jobs sicherer, oder unsere Rente? Hätten unsere Kinder bessere Schulen, oder gäbe es bessere Straßen? Und vor allem: Würden die Superreichen etwas von dem Geld abgeben, von dem sie soviel haben dass sie nicht wissen wohin damit? Was der Mehrheit der Bevölkerung fehlt, die arbeiten gehen muss um leben zu können, damit es ihnen nicht immer schlechter geht, sondern auch mal wieder besser? Sorry, Pegida, Ich hab nicht ganz verstanden : *Wer** soll daran Schuld sein? – Der Ali oder die Ayshe? Die noch schlimmer ausgebeutet werden als ich ?

— Da kann man doch mal empfehlen, ein bisschen besser nachzudenken, oder?

Und nun, kleine Fragen für Fortgeschrittene:
WEM nützt eigentlich die Angst vor der Islamisierung?
Oder die “Angst vor dem Terror des IS”, die jetzt angeblich das Deutsche Volk erzittern lässt (ich seh bloß niemanden zittern)

Ich lernte an einem humanistischen Gymnysium wenig Latein, aber jede Menge Denken. Latein und Deutsch sind beides schwere und komplizierte Sprachen, gut um Gedanken auszudrücken. An eine Frage erinnere ich mich gut : “Cui bono? (wem nützt es?)” – EIne Frage, die man sich nicht oft genug stellen kann. Besonders beim Lösen von Kriminalfällen, und in der Politik.

Also wem nützt es — wenn nicht denen, die weiterhin ungestört bleiben wollen beim Geld scheffeln? Das “Volk” hat auch den Terror der RAF überlebt (ich bin alt genug um mich zu erinnern), da hatten auch nur ganz bestimmte Leute Grund ängstlich zu sein… Die bestimmt kein Interesse an “Deutschland” haben, weil die mit ihrem Geld ganz schnell und ganz weit weg vom “Abendland” sind, sobald es hier knallt, sobald Aktien- und Rentenmärkte zusammenbrechen. Nein, nicht der Professor Lucke mit seinem Reihenhäuschen. Sondern die ihr Geld längst krisensicher angelegt haben, z.B. in Gütern ab 10.000ha im Europäischen Osten (Hitler hat es mit Panzern nicht geschafft, sie schaffen es jetzt mit ihrem Geld).

Wem nützt die ganze Pegida ? — Wenn ich da mitrennen wollte, weil mir ja auch einiges hier nicht passt und ich einen Zorn habe — Mache ich mich da nicht, unter Wert, zum “nützlichen Idioten” ? – Aber nein : Ich habe auch meinen Stolz als Edelproletarier. Zumindest einen hohen Stundensatz..

Adolfo Suárez – ein Held der europäischen Demokratie – und Spaniens Chancen nach dem Königswechsel

Juni 4th, 2014

König Juan Carlos dankt ab. Wie man jetzt von ahnungslosen Kommentatoren öfters hört, obwohl das ja ein Widerspruch in sich ist für einen König, “der Vater der spanischen Demokratie”.
Ohne seine nicht geringen Verdienste schmälern zu wollen: Ohne seinen Premierminister hätte Juan Carlos nichts erreicht, wirklich gar nichts. ADOLFO SUAREZ, der vor 2 Monaten starb, war einer meiner Helden. Einer der Größten. Und wird es immer bleiben. Er war der Vater der spanischen Demokratie. Politiker seines Formats gibt es heute nicht mehr. Sein Lebensweg lehrt, wie Menschen sich zum Guten verändern und in ihren Aufgaben wachsen können. Und wie sie, trotzdem sie unendliches bewirkt haben, manchmal tragisch enden.

Adolfo Suarez

Kann sich jemand noch vorstellen dass es in Europa – soweit man Spanien (damals nicht mal in der EG) überhaupt dazu zählte und nicht, wie einige hier, noch für eine Eseltreiber-Nation hielt – vor nicht mal 40 Jahren noch eine blutige faschistische Diktatur gab, gegen die der Stasi-und Zuchthaus-Staat DDR richtig gemütlich war? – Das Ende dieser Diktatur und der friedliche Übergang Spaniens zur Demokratie als das politische Großereignis der späten 70’er brachten mich dazu Zeitungen und politische Magazine zu lesen. Meine Sympathie und mein Mit-Bangen mit diesem Mann und seiner demokratisch gewählten Regierung, bekämpft von allen Seiten, von Kapitalinteressen und vom Militär, der im Land mächtigen Kirche, weil er deren fetten Pfründe und die Strafbarkeit der Abtreibung abschaffte, und dazu noch vom Terror der Separatisten in Nord und Süd – gleichwohl immer um Ausgleich bemüht, was sich letztlich als der richtige Weg erwies – all dies machte mich zum Demokraten und Europäer. Und obwohl ich nicht Politiker geworden bin, wird das wohl immer so bleiben!

Ein mutiger Mann, klares Denken, klare Sprache, niemals verzettelt in Kleinlichkeiten oder Halbheiten: Verfassung und Strafgesetze wurden nicht bloß “ein bißchen” reformiert, sondern so, dass es bis heute passend ist. Es gab nicht nur “ein bißchen” Presse- und Meinungsfreiheit. Legendär, wie er den spanischen Kommunistenchef, der sich illegal im Land aufhielt, verhaften liess. Alle fragten sich, was nun passiert: Nichts, er wurde nach ein paar Tagen freigelassen und bekam einen Pass. Man kündigte an, es werde ein Gerichtsverfahren geben, wegen der Vorwürfe gegen ihn (Landesverrat und das übliche, was rechte Hardliner Kommunisten so vorwerfen). Natürlich gab es nie einen Prozeß, und zwei Monate später waren die Kommunisten eine ganz normale erlaubte Partei.

Er konnte den francistischen Machtapparat so gut erledigen, weil er ihn von innen heraus durch und durch kannte – und weil die, denen er die Macht wegnahm, ihm vertrauen konnten, nicht am nächsten Tag gelyncht zu werden oder im Gefängnis zu landen. Auf allen Fotos von ihm sieht man, wie offen er auf alle Menschen zugeht. Der Mann schaffte es ein ganzes Land mitzureissen. Nur wo er allein auf den Bildern ist, wirkt er oft nachdenklich. Er gab dem modernen Spanien ein Gesicht. Die Frauen wählten ihn wegen seines blendenden, sportlichen Aussehens ebenso wie die Männer. Schauen Sie sich mal die modernen Politiker dagegen an. Ein heute fast vergessener europäischer Kennedy – der, wie man sagt, bevor er Premierminister wurde, noch nicht einmal sein Heimatland verlassen hatte. “Dumm wie der König”, schimpften einige zuerst sogar über ihn. Später bewegte er sich mit seinem typischen, gewinnenden Charme sicher auch auf internationalem Parkett, wurde von allen namhaften Regierungschefs aufs freundlichste empfangen und umworben, und zu einem wahrhaften Europäer.

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Besonders aussagekräftig sind die Bilder, die ihn mit seinem König zeigen. So leger wie auf der könglichen Yacht sah man Juan Carlos in der Öffentlichkeit nie. Suarez dagegen elegant wie immer, nur ohne Krawatte. Die beiden waren wirklich Freunde, ein politsches Dream-Team für ihr Land, und für Europa. Und Suarez war klar der begabtere, talentvollere von beiden, auch wenn Juan Carlos immer die Größe fehlte das einzugestehen. Ich suche noch nach dem Bild der beiden beim Tennis, das ich mal hatte. Dabei hatte der König diesen Premier sich nicht einmal wirklich aussuchen können. Er wurde ihm auf einer Auswahlliste von 3 Kandidaten präsentiert, von einem “Kronrat” genannten, noch von der Diktatur eingesetzten Aufpasser-Stab. Unter den denkbar schlechtesten Voraussetzungen also trat dieser sein Amt an, und es wurden 5 Jahre die man zu den glanzvollsten der spanischen Geschichte zählen kann, auf die jedes Volk stolz sein könnte. “Wie man sich so täuschen kann!” schrieb die Preisse Europas schon nach dem ersten halben Regierungsjahr, entsetzt über die eigenen Fehleinschätzungen…

Kann man sich vorstellen dass Politiker wie dieser (oder wie Willy Brandt) in unserem Politiksystem aus Mauschelei es überhaupt nur zum Dorfbürgermeister bringen, geschweige denn zum Staatschef? Kann da mehr als Mittelmäßigkeit und blöder Machtinstinkt herauskommen? Haben wir dann nicht genau die Politiker, die wir verdienen?

Spanien hat sich an seinem Grab wieder auf die Qualitäten zurückbesonnen, die ihr erster Premier mitbrachte. Im Tode war es ihm ein letztes Mal gelungen, sie alle zu vereinen, und nachzudenken ob es in der Gesellschaft nicht doch ein bißchen besser zugeht, wenn alle politischen Lager zusammenarbeiten anstatt gegeneinander zu kämpfen. Den Hauptstadtflughafen hätte man ruhig schon zu Lebzeiten nach ihm benennen könne, wie das einige 2009 vorgeschlagen hatten. Dass der König ihn, den Bürgerlichen, längst zum Herzog geadelt und mit den höchsten Auszeichnungen des Landes versehen hatte, war ebenso selbstverständlich und gerechtfertigt, wie das größte Begräbnis seit dem Tode Francos zu seinen Ehren. Vier Pferde zogen den Sarg, und trotz Präsenz der Uniformen keimten keinerlei Erinnerungen mehr auf an francistische Militärveranstaltungen, weil man sah, in den Uniformen steckten nun ganz normale Männer, leicht nervös und unwohl in der ungewohnten Rolle unter all der öffentlichen Aufmerksamkeit, und keine Killer mit Blut an den Händen. Da standen vier spanische Premiers vor seinem Sarg und wirkten gegen den Toten wie häßliche Zwerge. Da schleppte sich der König am Stock dahin, und muss wohl in diesem Moment begriffen haben, dass, selbst wenn die Verfassung das so nicht vorgehen hat, es nun auch für ihn Zeit sei einem Jüngeren den Platz zu räumen. Und selbst der Papst hatte ein Beileidstelegramm geschickt (es lag auch hinreichend Anlass vor, sich damit für die Haltung seiner Vorgänger zu entschuldigen).

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Wenn jetzt einige Spanier sogar ihre Monarchie abschaffen wollen, zeigt das in meinen Augen nur wie modern und “normal” ihr Land geworden ist. Denn 1977 hat man den König vor allem aus Angst vor den Militärs und den Francisten behalten. Das zu entscheiden ist Sache der Spanier. Ich habe mir zum Anlass genommen, die Spanische Verfassung durchzulesen. Sie ist in vielem besser als die deutsche und beschreibt die Aufgabe des Königs als die eines Schiedsrichters, Mahners und Wächters über das Land, einschliesslich des militärischen Oberbefehls für den (heutzutage recht unwahrscheinlichen) Verteidungsfall. Das ist in meinen Augen kein schlechtes Mandat. Jede Gesellschaft gedeiht meines Erachtens besser, wenn sie so eine Figur hat. Egal ob der, der sie wahrnimmt, nun als König oder Präsident bezeichnet wird. Juan Carlos hat sie bloß in den letzten Jahren schlecht wahrgenommen. Er hatte seine größte Stunde am 23. Februar 1981, als er, der Oberbefehlshaber, putschende Armeeteile in die Kasernen zurückbefahl. Aber zweideutige Äußerungen desselben Juan Carlos hatten Suarez zuvor mit zum Amtsverzicht getrieben und die Putschisten vielleicht sogar ermutigt. Der operettenhaft durchgeführte Putsch hatte aber auch sein Gutes, denn er diskreditierte die Armee so, dass danach jegliche Ambitionen zur Machtübernahme für immer erledigt waren, zumal die Justiz mit den Putschisten rechtstaatlich und nicht einmal übertrieben streng umging, und den letzten verbliebenen Putschisten, nicht ohne dass dieser die demokratische Verfassung anerkannt hatte, nach 15 Jahren Gefängnis begnadigte (immerhin war im Verlaufe der Ereignisse kein Mensch verletzt oder getötet worden). Suarez saß, als der Putsch geschah, noch auf der Regierungsbank, und als die Putschisten die Abgeordneten mittels MP-Salven in die Decke des Congreso de los Disputados zwangen, sich vor ihnen auf den Boden zu werfen, blieb er einfach sitzen und zuckte nicht einmal bei den Schüssen. Wie außer ihm übrigens noch der Vizepräsident, der ein alter General war, und der Kommunistenführer. “Ich war damals Premierminister, und ich sagte mir, ein Premierminister tut das nicht” erklärte er später – Sagte ich schon, dass er mein Held war, mit 16?

Gegen Regattasegeln in den Ferien ist bei einem König nicht das geringste einzuwenden. Aber auf Großwildjagd kann er immer noch gehen, wenn es an der Welt nichts mehr zu verbessern gibt. Hoffen wir für Spanien und für Europa, dass der Thronfolger die Figur hat, oder entwickeln wird, in diese großen, vielleicht sogar riesigen Fußstapfen treten zu können, und nicht müde wird Spanien daran zu erinnern, dass man nie aufhören darf um die Werte des Zusammenlebens, Demokratie und Solidarität zu kämpfen. Ein Adolfo Suarez hätte das Format dazu gehabt, wenn Spanien eine Republik statt einer Monarchie wäre, und er nicht seine letzten Jahre im Dunkel des Vergessens zugebracht hätte.

MARIAN SUAREZ

Die Augenwischerei mit der “Rettung der Griechen” und der Steuergerechtigkeit

Mai 25th, 2013

In der Zeit von Karl Marx wurden in den Fabriken schuftende Arbeiter von Kapitalisten ausgebeutet, die in dicken Villen lebten. Das regte verständlicherweise einige ziemlich auf.

Der heutige Bankenkapitalismus arbeitet unsichtbarer, aber effektiver. Er beutet das ganze Volk und selbst künftige Generationen aus, für die Gewinne von heute. Selbige werden nicht versteuert sondern auf den Cayman-Inseln an die Anteilseigner ausgezahlt. Falls es bei dem Roulette-Spiel genannt Börse jedoch zu Verlusten kommt, also ziemlich regelmäßig, trägt sie das Deutsche Volk, das sich einreden lässt, es ginge um die “Rettung” von Griechenland, Zypern oder Portugal, und nicht dem Wohle derjenigen, die windige Schuldscheine gekauft haben von denen sie genau wussten dass der Schuldner sie nicht bezahlen kann, aber der Staat schon für sie einspringen würde. Will heissen: Wir alle, mit dem Geld das unsere Kinder erst verdienen müssen.

Um das Volk Glauben zu machen, der Staat tue etwas gegen Steuerhinterziehung, fahndet er öffentlichkeitswirksam gegen schwarzarbeitende Handwerksmeister, die in ihren besseren Tagen ein bißchen Geld am Fiskus vorbei in die Schweiz oder nach Österreich geschafft, und damit nur getan haben, was die Politiker in ihren Sonntagsreden uns immer empfahlen, nämlich für den eigenen Ruhestand vorzusorgen. Etwas, das steuerzahlende Normalverdiener gar nicht  konnten, und heute noch weniger können…

Mir schuldet Griechenland nichts, ich war noch nicht mal dort im Urlaub. Mir fällt kein Grund ein, warum wegen mir ein Grieche weniger Rente bekommen sollte. Und noch weniger sehe ich ein, warum ich in 30 Jahren weniger Rente bekommen sollte.

Was ist die Lösung dieses Problems? Politker müssen aufhören zu glauben dass sie die Banken retten müssen. Der Kapitalismus vermag sowas selbst zu regeln und hat das in der Vergangenheit selbst geregelt, durch Gesundschrumpfen des entsprechenden Sektors. Banken waren ursprünglich mal dafür da, sinnvolle Vorhaben zu finanzieren, also Häuslebauern oder der mittelständischen Wirtschaft Kredite zu geben. Damit hätten sie auch heute noch genug zu tun.

Die parasitäre Wirtschaft

Mai 14th, 2013

Für Karl Marx war das wesentlichste Element kapitalistischer Wirtschaft die Produktion eines Mehrwertes der eingesetzten Produktionsmittel: Kapital (zu Marxens Zeit und bis etwa 1970 im wesentlichen Maschinen und Fabriken) und Arbeit. Der erfolgreiche Kapitalist verprasste keineswegs seinen erwirtschafteten Gewinn, sondern kaufte davon neue, bessere und mehr Maschinen, um damit günstiger und mehr produzieren zu können. Ansonsten lebte er zwar standesgemäß, aber auch sparsam und bescheiden. Wer seinen Gewinn nur verprasste – genau dass dies nicht geschah begründete einst den Siegeszug des Kapitalismus – wurde bald aus dem Markt gedrängt oder von der Konkurrenz geschluckt. Dasselbe passierte mit Produzenten die sich nicht der Zeit anpassten, mit immer denselben Produktionsmethoden wirtschafteten statt sie in Zyklen zu erneuern, oder der Annahme nachhingen, der Markt würde ihnen die Produkte immer abnehmen wie ehedem. Ganze Landstriche die im 19. Jahrhundert blühende Kleinindustrie-Regionen waren, sind auf diese Weise deindustrialisiert worden und haben sich zum Teil davon bis zum heutigen Tag nicht wirtschaftlich erholt. Dasselbe war nach 1990 in den Anschlussgebieten der Ex-DDR der Fall, und ist auch dort nicht zu erwarten.

Der klassische Kapitalist legte seinen Gewinn also niemals in Aktien oder Rentenpapieren an, erst recht nicht in spekulativen “Finanzinnovationen”, sondern steckte ihn immer in den Betrieb. Wenn er seine Arbeiter ausbeutete, dann aus Not um mit der Konkurrenz zu bestehen und zum Erhalt des Betriebs, und nicht aus primären Eigennutz. Wenn heute von Arbeitgeberseite argumentiert wird, dass die Löhne in Deutschland für konkurrenzfähige Produktion zu hoch seien, dann gab es diese Argumente schon immer. Bloss stand die Konkurrenz damals nicht in China sondern an der Ruhr, und es war schon immer ein Argument der Verlierer von morgen.

Damals wurde in erster Linie Kohle und Stahl produziert. Hauptabnehmer war die Waffenindustrie. Dies hatte den Nachteil, dass die Industrie Interesse daran hatte, alle paar Jahre Kriege zu führen, um die Waffen zu verbrauchen, nach dem Krieg neue Infrastruktur, Häuser und Fabriken aufzubauen, und wieder neue Waffen zu kaufen. Heute geht derselbe Anteil des Staatsbudgets nicht mehr den Waffenproduzenten sondern an die Banken (Schuldentilgung, Umfinanzierung, Neukredite), womit der entsprechende Teil der Industrie entbehrlich wurde. Einen Neuaufbau der Infrastruktur, wie nach dem verlorenen Weltkrieg 1945, könnte sich Deutschland heute wegen abgebauter, d.h. kannibalisierter Grundstoff- (s.g. Primär-) industrien, aber auch finanziell nicht mehr leisten, es reicht ja mal zu deren Erhaltung, weil soviel Geld für den Schuldendienst benötigt wird, dass die Notenpressen schon Tag und Nach rattern und der Tag nicht mehr fern ist da der EZB- Leitzins negativ wird, sprich man den Großbanken das Geld schon schenken muss damit sie welches nehmen. Gleichzeitig findet Neuaufbau nur noch in prestigeträchtigen Großprojekten (s.g. “Leuchtturm-Projekte”) statt, und die Infrastruktur in Deutschlands Peripherie zerfällt zusehends von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Eine Beobachtung die man zuletzt in den letzten 2 Jahrzehnten der DDR (also bis 1990) machen konnte. Dann kam der jämmerliche Zusammenbruch. Es ist aber nicht zu sehen dass Deutschland, wie seinerzeit die DDR, von irgendwem übernommen werden kann. Wir können nicht Teil von China werden. Die fleissigen Chinesen würden sich bedanken, so faule Säcke eingemeindet zu bekommen, wie es, rein von der Statistik der sozialabgabepflichtig, d.h. produktiv Beschäftigten her gesehen, die Bevölkerung hierzulande zu einem großen Teil geworden ist.

Da der Kapitalismus nicht mehr der toten Leiber der Soldaten als Rollbahnen für seine Panzer und Flugzeuge bedarf, da er den Stahl zum Bau von Autos anstatt Kanonen verwenden kann (dank vieler wohlhabender Rentner, die verglichen mit den Berufspendlern kaum ein neues Auto bräuchten, und der Leasinggesellschaften gibt es auch heute noch einige Neuwagenkäufer), da es staatsfinanzierte Renten- und Krankenversicherung gibt, da (zumindest in Deutschland) der Unternehmer durch ein von den Gewerkschaften geschaffenen Tarifsystems zur Zahlung menschenwürdiger Löhne gezwungen ist, hat der klassische Kapitalismus sein böses Gesicht verloren und ist gesamtgesellschaftlich akzeptiert. Im Gegenteil, heutzutage steht eher zu beklagen dass es den “Kapitalisten alten Typs” kaum mehr gibt! Dieser Kapitalist war ja kein Sklavenhalter, sondern eher aufgeklärter Paternalist. Er behandelte “seine” Arbeiter (solange sie loyal waren) immer gut. Ihn kümmerte ihr Elend, das er durch Werkseinrichtungen, billige Wohnungen, Bildungseinrichtungen, Stiftungen zu lindern suchte – man vergesse nicht: viele Arbeiter kamen aus Auswanderungsgebieten der finstersten Provinzen Deutschlands (so wie heute der Türkei und anderer Staaten) von woher sie aus noch ärgerem Elend flohen, waren Wirtschaftsflüchtlinge, und konnten kaum lesen und schreiben, geschweige denn hochdeutsch. Türkendeutsch als vereinfachte Strassensprache gab es ja noch nicht. Der Kapitalist war nicht allein frommer Kirchgänger, das sind viele Konservative heute immer noch, sondern wusste Gottes Gebot, das bestimmte seinem Arbeiter seinen gerechten Lohn zu zahlen, sodass dieser nicht allein sich selbst, sondern noch seine Familie ernähren kann, ohne “Aufstockung” vom Arbeitsamt, was heutzutage bezahlt wird als Abgabe nicht von den Gewinnen, sondern den Gehältern derer die menschenwürdig bezahlte Arbeit besitzen, für diejenigen denen ihre Arbeitgeber solche Bezahlung verwehren. Den Arbeitgeber von heute kümmern all diese Dinge nicht mehr die Bohne, besonders schlimm sind diejenigen die ihre Dienstleistungen im sozialen (und kirchlichen) Umfeld erbringen.

Im 19. Jahrhundert kam die Zuwanderung zu den Industrieregionen zu Fuß, da sich der einfache Landmann keine Fahrt mit der Postkutsche leisten konnte,  man für jeden Grenzübertritt über die Kleinstaaten Pässe brauchte, die er nicht bekam, und die Beamten unbestechlich waren. Heute kommt die Zuwanderung zu unserem Sozialstaat per Bus und Flugzeug, und eine ganze Dienstleistungsbranche von Schleppern besorgen Transport und Grenzübertritte. Das hat den Zuwanderungsradius erheblich erweitert: anstatt 300km ist er nun weltweit groß. Im 19. Jahrhundert machten Arbeiter den neu zugewanderten den Mindestlohn auf handgreifliche Art deutlich. Wer den unterbot, bekam das nötige Klassenbewusstsein mit einer Tracht Prügel eingebläut. Heutzutage gibt es keinen Mindestlohn, und eine mit den Menschenhändlern liierte “Industrie” lebt vom Lohn- und Sozialleistungsdumping: die Zeitarbeitsbranche. Wie es damals keinen Sinn machte, auf die Zuwanderer aus Deutsch-Sibirien zu schimpfen (Regionen wie der Hessenprovinz, Schlesien, Oberpfalz, Pommern), macht es heute keinen Sinn auf die Migranten zu schimpfen, bloss weil sie ein vorhandenes Angebot nutzen – zumindest auf jene die assimilationswillig sind. Aber nicht, was am Bodensatz passiert, bestimmt das Wesen der Gesellschaft. Wer nur den Bodensatz sehen kann, wohl weil er von diesem selbst nicht weit entfernt, kann nicht erhellendes über Zusammenhänge und Ursachen der Krisen beitragen, wozu der Überblick von weiter oben erforderlich ist. Sozialleistungsmissbrauch, Versicherungsbetrug, Schwarzarbeit, Krankmelden ohne Grund sind Delikte des “kleinen Mannes” und haben nun mal zugenommen, weil eine mangelhafte Moral von oben vorgelebt wird. Eine Gesellschaft, das war zu Marxerns Zeiten so und auch noch heute, funktioniert von oben nach unten. Vom mittelständischen Betrieb gilt das bis zum Staatswesen. Der Fisch stinkt vom Kopfe her.

Der Kapitalist alten Typs hat heutzutage seine Fabriken verkauft, und ist konservativer Anleger geworden. Er hat die einzige Geldanlage gefunden die wirklich krisensicher ist: Grund und Boden. Und damit ist nicht die Doppelhaushälfte gemeint, die 60% der Deutschen leider nicht mal besitzt, zum Leidwesen der Altersvorsorge. Sondern Ländereien in der Größenordnung ab 300ha d.h. 3 Mio qm. Darauf pflanzt er Raps, Getreide – das kann er kostengünstig in Lohnarbeit erledigen lassen und braucht dann nicht mal einen Traktor. Neuerdings beliebt sind auch Solaranlagen oder Windräder. Allesamt vom Steuerzahler, d.h. Durchschnittsarbeitnehmer, hochsubventionierte Produkte, teils sogar mit “grünem” Image. Vielleicht noch ein bisschen Pferdezucht auf maximal 10% der Fläche, damit die Aussicht nicht immer so monoton ist. Die Grundeinsatz beträgt 6 Mio Euro, in manchen Regionen Deutschlands geht es noch ein bisschen billiger. Besonders interessant ist dafür natürlich (EU) Osteuropa — deswegen (und um dahin VW zu verkaufen) haben wir die EU nach Osteuropa ausgeweitet (der Zuzug billiger Arbeitsimmigranten ist nur ein angenehmer Nebeneffekt). Damit lässt sich mit etwas Geschick nach Steuern eine Marktrendite von 1%, d.h. 60.000,- p.a. erwirtschaften, zzgl. direkter Subventionszahlungen. Soviel bringt heute kein Sparbuch mehr. Davon kann eine Familie ganz komfortabel leben. Diese 6 Mio muss man allerdings erst mal haben, das ist das kleine Problem daran. Und das ganze funktioniert weder mit 30ha, noch wenn man dazu einen Kredit aufnehmen muss. Ab 75ha lockt immerhin die eigene Jagd. Wirklich interessant wird es natürlich ab 1000 ha. Unsere Bauernfunktionäre denken und leben in dieser Klasse. Merke: Der Großanleger, der in Generationen denkt, braucht nicht gierig auf die Rendite zu schielen. Nur der Möchtegern-Neureiche oder Jungliberale starren auf den DAX wie das Kaninchen auf die Schlange. Er hat allerdings ein hohes Interesse daran, dass weiterhin viel Geld aus dem Subventionssäckel fliesst, und genau deswegen haben wir in Deutschland dies Subventionsunwesen!

Wie der Vampir den Knoblauch oder der Kleinspekulant den nächsten Börsencrash fürchtet, so ist dem superreichen Großgrundbesitzer die Vermögenssteuer zuwider, die ihm die Rendite wegfressen könnte. Aber er ist intelligent genug, nicht offen dagegen einzutreten. Das überlässt er den institutionalisierten Bauern-Schauspielern und denen, die Angst um ihr kleines Aktiendepot, oder Häuschen haben, das ihnen ja bekanntlich die SPD wegnehmen will (wegen dieser Verlust-Paranoia wählten unterbelichtete Provinzlandstriche wie in Hessen und Thüringen 1933 geschlossen Hitler – nicht weil sie allesamt gegen die Juden waren, wovon es auf dem Land fast keine gab). Großagrarier bekommen ein Vielfaches von dem, was sie ggf. an Steuern zahlen, wenn sie überhaupt etwas zahlen außer Mehrwertsteuer, mitgerechnet horrende Steuerberater- und Fachjuristenhonorare, durch Subventionen wieder herein. Sie haben es daher nicht wirklich nötig, ihr Geld in Steueroasen anzulegen, wie der schwarzarbeitende Handwerksmeister, der doch nur das macht, was die Politik an anderer Stelle immer wieder verlangt, nämlich private Vorsorge fürs Alter. Es ist reine Augenwäscherei, wenn CDU-Politiker diese Schwarzgeldhinterzieher als “Reiche” bezeichnet, die auch ihren “finanziellen Beitrag für Deutschland erbringen müssen” (Schäuble). Das sind gegen die wirklich Reichen, die bei uns das Sagen haben und die man niemals wird juristisch belangen kann, weil sie gegen keine Gesetze verstossen, noch kleine Krauter.

Der Vermögensanteil der Superreichen an der Gesamtgesellschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren (Regierung Kohl – Schröder – Merkel) übrigens vervielfacht, weil jeder dieser Regierungen die Ziele dieser Klasse gefördert hat anstatt sie zu schröpfen. Gleichzeitig, und das ist der Skandal daran, ist das arme Drittel noch ärmer geworden – ausgesaugt von einer parasitären Wirtschaft. Umverteilung von unten nach ganz oben hat stattgefunden, als Massenerscheinung, und für jeden ersichtlich der Augen hat im Kopfe, und die Entwicklung einfacher Landhäuser oder alten Stadtvillen zu stacheldrahtumzäunten, bürgerkriegssicheren Festungen ohne Briefkastenschild in Menge beobachtet hat. Wenn morgen das Wirtschaftssystem zusammenbrechen würde – und es wird zusammenbrechen, es ist lediglich eine Frage der Zeit – die hinter den hohen, kameragesicherten Zaunhecken lebenden Leute werden überleben, während alle diejenigen, die Kredite nicht mehr abbezahlen können, mit einer Art russischen Mafia zu tun bekommen werden. Aus Gründen der ultima ratio sind diejenigen hinter den hohen Zäunen noch Waffenbesitzer, denn im Unterschied zu den USA ist bei uns auch das Waffen- noch ein Klassenrecht.

Das Denken in Generations- und Grundbesitz-Kategorien ist allerdings nicht klassengebunden. Auch in der hintersten Provinz schaut der lokal gut vernetze Gelegenheits- und Schwarzarbeiter oder Rentier, der Fleischer gelernt hat, in seinem ererbten oder abbezahlten, zur Hälfte vermieteten 300 qm Haus mit Verachtung auf den promovierten IT-Spezialisten mit Bruttoeinkommen von 80.000,-, in der DHH nebenan auf handtuchgroßem Grundstück, der so blöd ist jeden Morgen zur Arbeit zu fahren, um diesen “Traum vom Leben im Grünen” abzubezahlen, erst nach Sonnenuntergang zurückkehrt und beides weggepfändet bekommt spätestens 12 Monate nach dauerhaftem Jobverlust, d.h. beim Fall in Hartz-IV. In manchen Peripheriedörfen bilden die Arbeitspendler die Minderheit, der Rest hat einkommenssteuerpflichtige Arbeit schon nicht nicht mehr nötig. Und da gibt es eine Politik, die diesem Proletariat neuen Typs, ohne Interessenvertretung, und schon jetzt im Würgegriff der Banken, da man ja neben dem Häuschen noch den schnellen Flitzer und die Fernreisen finanzieren zu müssen meint, als s.g. “Besserverdiener” abschröpfen will. Wo solches Denken den täglichen Umgang bestimmt, wie kann da Gemeinsinn erwartet werden, Kümmern um den Nächsten? Wenn diese grundlegenden Dinge fehlen, und an grundlegender Anerkennung und Gemeinschaftsgefühl, wo nicht mal der Wunsch besteht zu einer Volksgemeinschaft zu werden, wie kann da Eintreten für politische Fragen erwartet werden? Für wen, wenn nur noch das Ich zählt?

Wer hat den Kapitalisten alten Typs abgelöst? Wohin fliesst heute das Geld, dass sich durch die Geldpolitik mit billigen Zinsen und der Euro-Notendruckpresse immens vermehrt hat – nur nicht bei denen die es am nötigsten haben, nämlich dem immer grösser werdenden Prekariat ? Die Antwort lautet: Die weltweit agierenden Banken, die es gar nicht mehr nötig haben, Güter irgendeiner Art zu produzieren. Die trotzdem so mit dem Staatssystem vernetzt sind, über kurz- und mittelfristige Finanzierungen aller Art, samt Feuerwehrfahrzeug der Gemeinde und Fäkalienreinigung des Abwassers, in einer fatalen Verquickung über ein Abhängigkeitssystem von Schulden angeblich im Namen des Staates, sodass die Politik glaubt, auf dieses Bankensystem nicht mehr verzichten zu können, statt einfach die marodesten von ihnen einfach mal pleite gehen zu lassen. Auch dies Bankensystem ist meilenweit entfernt vom “ehrlichen Bankier” des 19. Jh. der sein Geld noch, nach gehöriger Wirtschaftlichkeitsrechnung, die der kleine Bankangestellte immer noch lernt, aber sein Manager, der die Entscheidungen trifft, gar nicht lesen kann, an ihm persönlich bekannte Unternehmer oder Bauherren zur Finanzierung sinnvoller Vorhaben verliehen hat. An dessen Stelle windige “Investments” und Investmentbanker getreten sind.

Ich nenne dies System parasitär, weil immer weniger Güter produziert werden, immer mehr auf Abbau, Ausblutung, Abzocke, Zwischenhandel und Subunternehmertum ausgerichtet ist. Erstens wurde die produzierende Wirtschaft soweit abgebaut (d.h. finanziell kannibalisiert), sodass noch nicht einmal mehr Panzer und Kanonen gekauft werden könnten, geschweige denn volkswirtschaftlich weit sinnvollere Güter. Besonders extrem äussert sich das im Unvermögen zur Bewahrung der öffentlichen Infrastruktur (Bibliotheken, Schwimmbäder, Landstraßen, Kanalsystem u.v.m.). Stattdessen saugt das Wirtschaftssystem die finanziellen Ressourcen einer Mittelschicht auf, die sich diese in besseren Zeiten aufgebaut hat. Wer seine bezahlte Arbeit verliert und wo noch was zu holen ist, wird noch zur Scheinselbstständigkeit genötigt, an deren Ende die völlige Verschuldung steht. Aber anderen haben dann daran gut verdient und suchen sich neue Opfer zum abzocken. Am Endpunkt dieser Entwicklung steht die demographisch abzusehende Altersarmut von 90% der arbeitenden (und 100% der nichtarbeitenden) Bevölkerung und die Bulgarisierung Deutschlands. Auch diejenigen die am Abbau verdienen, wissen, dass am Ende nichts mehr übrig sein wird, aber bis dahin kann man ja nochmal Profit machen. Nutzniesser davon ist allein die Oberschicht: Diejenigen, die ihre Privatrente auf dem kleinen Landhaus in der Toskana oder auf Mallorca verzehren werden können (falls ihnen die Geldpolitik des billigen Geldes, niedrige Zinsen in Kombination mit Inflation die nicht noch wegfrisst) und die Superreichen. Nur für diese allerletzte Gruppe wird heutzutage wirklich Politik gemacht.

Das Politische Establishment, die im Bundestag vertretenen Parteien eint die vorbehaltslose Unterstützung dieses Systems, von der Kanzlerin bis zum “Retter der Banken” Steinbrück und den ökokapitalistisch gewordenen Grünen. Einzig die Linke/PDS, Sammelbecken der Unzufriedenen, erheben vereinzelt die Stimme, aber es fehlt ihnen, Gysi vielleicht ausgenommen, der echte Durchblick, man verschreckt die Leistungsträger der Gesellschaft, das sind die diesen ganzen Unsinn finanzierenden, in Lohn und Brot stehenden Arbeitnehmer, durch idiotische Steuerpläne, und altlinke Rituale lassen keine wirkliche Systemkritik mehr aufkommen bzw. erwarten. Bei den anderen ist es noch schlimmer. Die Piraten sind ein i-pad-bewaffneter Kindergarten, unfähig sich in simpelsten Fragen festzulegen, und die ach so politisch-unkorrekten “Alternative(n) für Deutschland” gebärden sich, als sei unser Hauptproblem die Gefahr des christlichen Abendlandes, demzufolge zu lösen durch die Steigerung der Kirchgänger, bzw. die Zahl derer, die den (gottlob nicht mehr bayrischen) Papst als geistliches Oberhaupt anerkennen. Und so ein Unsinn in einem säkularen Staat! An deren Basis verbreiten Hassparolen gegen muslimische Zuwanderer einen bräunlichen Geruch, der aber, wie immer am Ort seiner Entstehung, nicht wahr gehabt werden will. Was tun?, würde, wenn er noch lebte, Lenin jetzt fragen.

Grastälerpassage 2013

Mai 3rd, 2013

Mittlerweile, d.h. in den letzten 19 Monaten  hat mich Khorsheet, ausweislich meines “Reitbuchs” (Excel-Tabelle) und der gpsies-Tracks  3500km getragen. Es waren genau 208 Ritte, bzw. 413 Reitstunden. Dazu kommen noch mal 2600km als Handpferd, seit Juni 2011.

Wir hatten einen herrlichen Reitwinter, den besten seit sicher 10 Jahren. Der Schnee lag Monate in den höheren Lagen ab Rotem Kreuz. Man konnte bestens ohne Beschlag reiten, und meine Pferde wurden richtig fit. Ich machte Ritte zur Weißen Mauer, zum Altkönig, sogar zur Stierstädter Heide. Da war ich seit vielen Jahren nicht mehr. Am Ende des Winters lockte der Termin Grastälerpassage. Noch immer ist das bei mir so…. Das letzte Mal war ich dort vor 10 Jahren. Es war schön, alte Bekannte wiederzutreffen die ich solange nicht mehr gesehen hatte.

Nach bester Tradition fuhren wir bereits Freitag früh los, um Mittags da zu sein und noch einen kleinen Proberitt auf der Startstrecke zu nachen. Wir hatten die ersten Pferde im Camp. Der Ritt lief perfekt, obwohl es kalt und windig war. Wir ritten die volle Strecke, 81km. Die 20km-Schleife war anstrengend aber schön. Vom Geläuf her die beste Grastäler die ich je geritten bin (meine 7.).  Mein Pferdchen war am Anfang sehr nervös wegen der vielen anderen Pferde, lief lange mit rd. 170 Puls im Trab. Entscheidend war, dass sie auf mich hörte, ich mit ihr um gesittetes Trabtempo nicht kämpfen musste. Später, ab etwa km40, waren dann auch ein paar lustige Galöppchen auf den Wiesentälern drin. Ab km60 wurde sie hungrig. Aber sie wollte laufen bis zum Schluss. Unsere längsten Ritte vorher waren 55km gewesen. Wir begannen mit Tempo 4.5 und hatten am Ende 5.5, weil ich meinem Pferdchen immer wieder erlaubte in den Schrittpausen, in denen ich meist absass,  die Nase ins Gras zu stecken Am Ende waren wir 10 Stunden unterwegs, mit Pausen. Ich bin die Grastäler also schon vor 21 Jahren, mit dem kleinen Alex,  schneller geritten (in 5:59). Es reichte trotzdem für Platz 10. Für den ersten Distanzritt nicht schlecht.

Ich hatte die Swiss Horse Boots für vorne dabei und zog sie 2x auf, ritt mit ihnen von Stop 1 bis Stop 3, und dann noch ein Stück am Schluss. Auf der Alb gibt es immer diese spitzigen weißen Steinchen die sich in die weiße Linie setzen. Außer mir ritt wohl nur Bert Fichtel noch ohne Hufbeschlag.

Khorsheet hatte bereits 36 Stunden nach dem Ritt, am übernächsten Morgen zuhause, wieder ihr Normalgewicht erreicht, und ging als Handpferd 11km locker, lässig und mit Karacho. Das Pferdchen ist ein Phänomen.

Ansonsten hatte ich genug zu tun, zu erklären dass nach diesem Ritt man uns jetzt nicht regelmäßig sehen wird. Ich mag die Gesellschaft, brauche aber den Wettkampf nicht. Mir sind die schönen Ritte lieber. Das Tempo fand ich insgesamt zu hoch und die Leute ritten mir zuviel Schotter. Das war schon früher so. Doch heute mag ich dafür noch nicht einmal mehr beschlagen. Sie hat noch genug Huf für mindestens eine 4-Tages-Wandertour. Vielleicht am nächsten verlängerten Wochenende!

Vor der Siegerehrung: Jetzt bin ich müde!

Vor der Siegerehrung: Jetzt darf ich wohl einmal müde sein!

Gute Vorsätze zum neuen Jahr?

Januar 7th, 2013

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Zum Jahreswechsel zieht man ja gern Zwischenbilanz und macht Pläne fürs neue Jahr.

Ich lese gerade das Buch “Illusion Pferdeostheopathie – Von ausgerenkten Wirbeln und anderen Märchen”. Trotz des knackigen Titels ist der größte Teil des Buchs sehr sachlich, informativ und lesenswert. Nicht nur weiß ich jetzt, warum ich mit meinem Pferd noch nie bei einem Knocheneinrenker war. Viel wichtiger, ich finde in diesem Buch Regeln beschrieben, nach denen ich, ohne sie so zu benennen, eigentlich schon jahrelang mein gesamtes Reiten ausrichte. Im Zentrum steht, alles zu vermeiden was die Tragekräfte des Pferdes überlastet. Was bei einem jungen Pferd (und Reiter mit über 80kg, wie mir) natürlich besonders wichtig ist.

Khorsheet sagt mir auf jedem Ausritt, wie sie geritten werden möchte. Gleich zu Anfang haben wir einen Berg hinaufzustiefeln: das macht sie mit langem Hals, gedehntem Rücken und tief untertretend aus der Hinterhand. Trotzdem bleiben immer irgendwelche Zweifel ob “man” das Pferd wirklich so am langen Zügel reiten kann, gleichwohl mit gespürter Verbindung zum Pferdemaul, wo sie sich doch perfekt und geschmeidig bewegt. Eine ganze Industrie an Reitlehrern verdient daran, unschuldigen Freizeitreitern zu verkaufen dass sie ihre Pferde “mehr auf der Hinterhand” reiten müssen. Hier zeigt nun die Autorin und Physiotherapeutin Tanja Richter, dass genau das die Pferde in die Trageerschöpfung treibt, was dann wiederum die Vorhand ruiniert. Dass man nicht wenig reiten soll, sondern oft (3-5x die Woche).Dass Pferde auch mit nicht maßgerfertigten Sätteln ohne Schaden geritten werden können. Ich wusste das eigentlich ja schon immer, aber man traut sich ja kaum noch, es auszusprechen.

Die Wichtigkeit, das Reiten als zwanglose Gymnastik zu betreiben. Anstatt ständigen Trabens, die kurzen “Galöppchen” (eigentlich mehr Canter am langen Zügel) die ich so liebe – und Khorsheet. Gerade gestern hatten wir wieder so einen harmonischen Ausritt. Khorsheet bewegte sich überaus geschickt trotz der überall rutschigen, schmierigen Böden. “Hör mit den blöden Zügeln auf, ich hab meine Füße am Boden, nicht Du. Ich kann schon noch bremsen wenn’s zu glatt wird” signalisiert sie mir dann. Und das gelingt ihr auch ohne größere Aktionen.

Am 2.1. hatten wir einen Ritt wo sie auf allen 4 Hufen und mit langem Hals einen filmreifen 45°-Rutschhang fünf Meter herunter glitt weil der Wanderweg ins Dombachtal voller Holz lag. Hinter uns drei andere Reiter, noch unschlüssig. “Lass mich machen, ich kann das schon!” Meine Hilfen beschränkten sich aufs Ruhigsitzen im gemeinsamen Schwerpunkt. Dieses “Pony” verblüfft mich immer wieder – in Situationen, wo man als Reiter ganz schnell sein Pferd “overrult”, nicht hinhört auf seine Vorschläge. Stichwort Motorische Kompetenz. Ein matschiger Winter ist ideal um mit seinem Pferd daran zu arbeiten. Was für den Reiter heisst: Lernen nicht festzuhalten, auf’s Pferd hören und vertrauen, im Gleichgewicht mit ihm bleiben (wenn bremsen nötig ist, dann mit Gewichtshilfen), anstatt ihm jeden Schritt vorzuschreiben. Kleine Schenkelhilfen, im genau passenden Moment gegeben. Nicht mit der Rücken- sondern der Bauchmuskulatur trägt den Reiter das Pferd (bei Tanja Richter genau erklärt nachzulesen) . Mit weichem Becken aber zugleich hoher Körperspannung sitzen, damit man nicht hinter oder vor die Bewegung kommt. Das ist ganz schön anstrengend obwohl man km-mäßig nicht viel schafft. Das sind Ritte, nach denen man sich nach einem heißen Bad sehnt, auch wenn es nicht kalt war, und obwohl man doch körperlich “gar nichts gemacht” hat.

Was sind denn als Reiter meine eigenen Fitness-Ziele in diesem Jahr?

Will ich ein unfitter Reiter auf einem sportlichen Pferd sein?

Wären 10kg weniger nicht besser als der Maßsattel?

Wie lange dauert es bis zum perfekten Reitpferd?

Dezember 5th, 2012

Am Wochenende hatten wir unseren zweiten Adventsritt; ich ritt Khorsheet allein und mit Kandare. Sie war eins der bravsten und lässigsten Pferde der ganzen Gruppe, und eigentlich hab ich auch nicht viel anderes erwartet. Wie sagte Josy, “auf Khorsheet kann eigentlich kein Pferd aggressiv oder ehrgeizig reagieren, die kommt einfach immer wieder, und guckt einfach nur freundlich”. Eine Sache des Charakters also.

Ein solches Pferd ist eigentlich leicht auszubilden. In etwas über 1 Jahr sind wir jetzt 2.500km geritten. Zählt man die Handpferde-KM mit, haben wir zusammen (seit Juni 2011) 4.300 km  im Gelände zurückgelegt. Auf den Wanderstrecken in diesem Sommer gab es noch einige Stellen wo ich abgestiegen bin, wo ich mit einem fertig ausgebildeten Pferd vielleicht im Sattel geblieben wäre. Und auch was das Tempo angeht, nehme ich noch immer auf sie Rücksicht: ich reite sie nicht wirklich schnell (will heissen: nicht wie ein trainiertes Distanzpferd). Aber das sind Kleinigkeiten. Dieses Pferd kann nahezu alles, was aus meiner – ziemlich anspruchsvollen – Sicht ein gutes Geländepferd können muss.

Und am langen Zügel, wohlgemerkt. Am Bindfädchen. Wie die meisten Araber, läuft sie gerne mit langem, etwas hohen Hals. Aber anders als die meisten, ist sie dabei auch unterm Reiter perfekt im Gleichgewicht, und aufmerksam. Also selten gibt es Veranlassung sie an den Zügel zu stellen : dann ist es, auch wie bei den meisten Arabern, nicht weit bis sie überzäumt ist (aber bei nur 1 Jahr reiten ist hier noch keine Perfektion zu erwarten). Und sie hört so toll zu, was man ihr sagt! “Laaangsam”, und sie wird wirklich langsamer. Das ist natürlich, auch wie bei den meisten Arabern, das häufigst gebrauchte Wort.

Ihre innere Einstellung ist dabei fabelhaft: sie lässt sich gern reiten und kommt immer ans Tor wenn ich mich mit Zaumzeug nähere. Gesundheit und Hufzustand, alles klasse. Sie geht gut und gerne alleine, wie sie auf unserer 4 1/2 -tägigen Pfälzerwaldfahrt Anfang Oktober (185km) unter Beweis gestellt hat. Das macht sie ihrem Reiter zuliebe, und dafür liebe ich dieses Pferd… selten hab ich ein so humorvolles Pferd geritten. Sie macht wirklich liebend gern Quatsch, ist manchmal wie eine 3-Jährige… da muss man schon mal fest im Sattel sitzen, und manchmal hat auch Natascha “in Deckung” zu gehen weil plötzlich Hinterhufe fliegen. Aber nie ist dabei ein Bein ausgestreckt, und immer geht sie dazu ein bisschen auf Abstand, deswegen gibt es dafür auch nur einen ganz sanften Tadel…

Heute hatte ich übrigens den Sattelgurt vergessen, und ich musste sie zum ersten Mal 2 Std. ohne Sattel reiten, etwa 17km, bei herrlichem Schnee…

Erste Wanderfahrt

Juni 29th, 2012

Bis zum ersten Wanderritt weiß man nie wie sich ein Jungpferd dort macht. Wir haben jetzt unsere erste “Fahrt” hinter uns : So nenne ich das wenn wir irgendwo hinfahren und vom Lagerplatz ohne größeres Gepäck zu Tagestouren aufbrechen und abends wiederkommen, aber ohne Zaun und feste Übernachtungen mit den Pferden draußen campen.

Wir waren vier Tage im Vogelsberg und sind dabei 161km geritten. D.h., Andrea mit Zahra und ich hatte Khorsheet dabei. Und sie hat sich ganz toll gemacht. Am meisten hatte ich Sorge ob sie sich daran gewöhnt am Seil zu stehen aber sie machte es wirklich klasse. Sie ist eben ein schlaues Pony, das aufpasst und sich nicht selbst in Gefahr bringt.

Es waren Wege dabei die derart mit Holz zugeworfen waren dass mir die Pferde schon leidtaten. Aber sie ging hinein : vorsichtig aber mit unermüdlichen Tatendrang! Und sie vertrug sich gut mit Zahra (die sie für einen Hengst hielt und pausenlos anrosste).

Die längste Tagesetappe war 47km – bisher bin ich sie längstens 30km am Stück geritten. Als Sattel hatte ich den Schweizer Offizierssattel mit, aber richtig froh bin ich mit ihm nicht geworden : ich ritt 4 Tagem mit Rückenschmerzen. Jetzt im Moment reite ich sie mit meinem  Militärsattel (Gr.2, dem engeren der beiden die ich in dieser Größe habe), und habe das Gefühl, dass dieser mich wesentlich besser im leichten Sitz unterstützt, den ich bei ihr – auch künftig –  noch oft einnehmen muss. Dieser rutscht auf ihrem Rücken auch am wenigsten.

Gewisse Befürchtungen hatte ich auch dass sie nicht in den Hänger geht, da ich sie, seitdem ich sie vor einem Jahr kaufte, kein einziges Mal transportiert habe. Es gab hierzu keinen Anlass. Ich “übe” solche Sachen nicht, weil solche Trockenübungen nach meiner Erfahrung rein gar nichts bringen. Entweder ein Pferd hat Vertrauen zum Reiter, und geht ihm zu gefallen in den Hänger, oder nicht. Am Vertrauen – daran muss man arbeiten – als Reiter selbst! Dem Pferd beweisen dass man sein Vertrauen verdient – jeden Tag. Rückwärts gehen, sich zur Seite richten lassen, dabei nicht hektisch werden – solche Sachen muss man üben – und zwar nicht zu knapp, falls nötig! Die müssen sitzen, nicht nur auf dem Reitplatz bei Schönwetter, sondern auch bei Nacht im tosenden Unwetter. Wenn es drauf ankommt!

Wie sie dann reinging war dann doch verblüffend: Zahra stand schon drin, und da wir ohne Trennwand fahren, musste ich erst mal für ein bisschen Platz sorgen und sie etwas zur Seite beordern. Andrea stand mit ihr am Strick vor der Rampe. Dann kam von hinten “Ich glaub sie will reingehen; ich komm jetzt mal bevor sie es sich wieder anders überlegt!” — und 2 Sekunden später stand sie neben mir. Hoppala!

So eine trockene Coolheit ist umso erstaunlicher, als dass sie nach kurzer Fahrt wieder schweissnass vor Aufregung war. So ist sie eben. Trotzdem ein Sensibelchen. Immer auf dem Sprung, auch im Gelände. Geht vorwärts wie nix und ist dabei super-gehorsam, aber sofort bereit wie ein Wild zur Seite zu hüpfen wenn ihr irgendwas komisch vorkommt. Und wenn man sie dann richtig an den Zügel nimmt wird sie erst recht nervös. Was eigentlich auch nicht nötig ist weil sie auch am langen Zügel wunderbar ausbalanciert läuft, und auf Stimme und Sitzhilfen reagiert. Und das beste ist ihre samtweiche Anlehung  am Kandarenzügel, als wäre sie schon 2 Jahre geritten. Aber durch ihre Hüpfer manchmal leider alles andere als bequem im Sattel. Und sie hüpft immer nur bei wirklich albernen Sachen : Hervorstehende Pflanzenbüschel, Holzstämme, Sitzbänke… Wenn ein Schwer-LKW, Bus oder Traktor kommt, dann ist sie das coolste Pferd von allen.

Am vierten Tag schimpfte ich sie dann aus weil sie wieder mal ihren Pony-Sturkopf zeigte und beim anhalten nicht stehenbleiben wollte — und wegen meines zu scharfen Tadels war das ganze Pferd sofort schweißnass, und musste getröstet werden… Das sind schon Situationen wo man bei ihr viel Feingefühl braucht. Aber sie ist dabei so lieb, bescheiden und unprätentiös – ganz toll. Genauso wie meine Ligeira war… sie hat mein Herz erobert, ganz klar…. mit all dem!

Hänger und Auto hatten übrigens erst kurz vor der Fahrt endlich frischen TÜV gekriegt, nach viel Arbeit. Der Hänger hat wieder einen neuen Boden (der alte hat 12-13 Jahre durchgehalten). Es ist ein herrliches Gefühl wieder so ein tolles Pferd und “alles rittbereit” zu haben…