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Was mich am Rennrad fasziniert…

Samstag, Januar 1st, 2011

Was mich am Rennrad fasziniert…


Natur
Als der Mensch das Fahrrad erfunden hatte, gab es auf der Welt keine schnellere Art der Fortbewegung, es sei denn auf dem Schienenstrang. Sogar die Kavallerie hatte Probleme ihre Existenz zu rechtfertigen, und einige Armeen schafften die Pferde ab und sattelten um auf Drahtrösser. Die bis heute anhaltende Beschleunigung der Zeit hatte begonnen.

Da ich auch Motorrad fahre, weiß ich natürlich dass es beim Radfahren nicht um bloße Geschwindigkeit geht. Das Motorrad ist viel schneller. Auf den breiten Reifen eines Motorrads fühlt man sich in der Kurve auch sehr viel wohler und sicherer, und kann sie auch schneller nehmen als mit dem Rennrad. Zudem kann man mehr Gepäck mitnehmen und strengt sich nicht so an. Aber es macht eben auch Lärm und schluckt Benzin...

Mehr Naturerlebnis als auf dem Rad hat man natürlich als Fußgänger oder als Reiter. Auch mit dem Mountainbike. Vor allem ist man mit dem Rad in der Natur die leidige Nachbarschaft des Autoverkehrs los. Als Reiter bin ich aber in schwierigem Gelände jedem Radfahrer um ein mehrfaches überlegen. Nur bergab kann er mich überholen. Und im alpinen Hochgebirge ist es der zu Fuß gehende Bergsteiger. Deswegen bin ich der Ansicht, dass die Krönung des zweirädrigen Fahrens die straßentaugliche Rennmaschine ist, deren Gewicht und Ausstattung auf das notwendigste minimiert wurde. Vielleicht wäre das Bahnrad ohne Schaltung und Bremsen das absolute Ideal, aber eben im normalen Verkehr nicht fahrbar, und im Gebirge und auf holprigen Straßen auch nicht. Deswegen haben unsere Räder Schaltungen und Bremsen als Zugeständnis an die Praxis, und weil sie das Rad nicht so furchtbar viel schwerer machen.

Während das Motorrad das ursprünglichste und idealste Motorfahrzeug ist, ist das Fahrrad für mich die ursprünglichste mechanische Kraftmaschine. Das heisst Vervielfältigungsgerät meiner Muskelkraft, zum Zweck der Bewegung von A nach B, auf einer Straße mit ebener Oberfläche unter möglichster Minimierung des Roll- und des Windwiderstands. Das ist beim Mountainbike mit seinem höheren Gewicht und dicken Reifen eben nicht möglich.

Die Schönheit einer Maschine liegt in ihrer zweckorientierten, in jeder Einzelheit durchdachten Gestaltung und der Wahl der Werkstoffe, der Beschränkung auf das notwendige, der Langlebigkeit und Wartungsfreundlichkeit, und der Qualität ihrer Benutzeroberfläche. Aus diesen Gründen ist das Stahlfahrrad das A+O. Die Schönheit entsteht damit aus der Funktion, sie ist nicht Selbstzweck. Das unterscheidet die Maschine vom Kunstwerk. Deswegen ist ein Rad, das nur schön ist, dass man aber nicht oder nur eingeschränkt benutzen kann, immer die schlechtere Maschine als die weniger das Auge reizende, oberflächlich weniger anziehende, aber uneingeschränkt benutzbare. Die hochgezüchtete Profi-Rennmaschine, die ein Servicefahrzeug in unmittelbarer Nähe braucht oder nur für bestimmte Einsatzsituationen benutzbar ist, ist somit nicht das Ideal, sondern das Straßenrennrad für den universalen Gebrauch, dessen Übersetzungen für Berge und Flachland wechselbar sind. Eine eigene Schönheit haben auch die Randonneur-Fahrräder, die auf das lange Reisen mit Gepäck konstruiert sind. Sie sind ebenso edel wie Rennmaschinen.

Soviel zum Fahrrad. Beim Fahren mit dem Rennrad bedienen wir diese Kraftmaschine. Wir treten in die Pedale, lenken und bremsen. Alles, so gut wir können. An sich ist es nicht schwierig: Radfahren kann man mit 4 oder 5 Jahren erlernen. Aber eine Rennmaschine gut vorwärts zu bewegen erfordert mehr an Muskelkraft und Kondition. Diese zu erwerben kostet Mühe und Schweiß. Radfahren bedeutet Muskelarbeit. Die Maschine mag es nicht, langsam bewegt zu werden. Sie rollt besser bei höherem Tempo, und es sieht auch besser aus, als wenn sie in einem langsamen Tempo bewegt wird wie ein gewöhnliches Rad. Das erkennt schon der unbefangene Zuschauer. Darum wird der Fahrer sich solange anstrengen bis er es beherrscht, sie in einem Tempo zu bewegen, wie das eben nur mit einem Rennrad möglich ist. Lohn der Mühe ist, dass man schon auf kleinen Trainingsrunden von zwei bis drei Stunden eine Reichweite hat, die Erstaunen auslöst bei allen die selbst nur Auto fahren oder zu Fuß gehen. Man kommt viel herum in seiner Umgebung auf dem Rennrad…

Die Schönheit der Maschine ist sinnlich wahrnehmbar, das gilt noch mehr für das Radfahren selbst. Anders als auf einer stehenden Kraftmaschine im Fitnessstudio bewegt man sich fort. Der Widerstand variiert ständig, sei es durch unterschiedlichen Bodenbelag, Steigungen oder Wind. Jeden dieser Widerstände kann man kommen sehen und sogar beeinflussen. Der Fahrer entscheidet ob er ihn mit höherem oder geringeren Tempo angeht und überwindet. Man hat die Natur um sich, die Straße, Feld, Wald und Siedlungen. Der Wind pfeift, die Sonne scheint, oder es regnet. Für den Fall, dass an der Maschine etwas defekt gehen sollte, hat man minimales Werkzeug bei sich, denn das Fahrrad gehört zu den wenigen Maschinen die es gibt, die der Benutzer selber leicht warten und im wesentlichen auch selber reparieren kann ohne selber Mechaniker zu sein. Das Fahrrad eignet sich wie keine andere Maschine auch dazu, Kindern beizubringen dass man ein Gerät das man benutzt, auch gewissenhaft behandeln und pflegen muss.

Aber beim Fahren ist sie ein sinnlicher Genuß. Man spürt sofort die eingesetzte Kraft, weiß wofür man sich anstrengt. Es geht viel schneller als zufuß. Außerdem kann man herrlich nachdenken beim Fahren, weil es viele Momente gibt wo man nichts entscheiden oder sich auf den Verkehr konzentrieren muss, weil man zwar schnell, doch nicht so schnell ist wie mit dem Motorfahrzeug. Die eigentliche Bedienung geht ja fast instinktiv. Man kann also besser nachdenken als beim Autofahren, zumal man nicht durch selbsterzeugten Motorlärm, ein eingebautes Radio, oder Mitfahrer abgelenkt wird. Schon die alten Griechen, die noch keine Fahrräder kannten, wussten dass die wechselnden Sinneseindrücke beim Zufußgehen und Wandern dem Nachdenken förderlich sind. Es gab sogar eine philosophische Richtung die dies ausschließlich praktizierte.

Der Hauptunterschied ist aber, dass man zum Vergnügen und zur eigenen Fitness Rad fährt, während man bloss Auto färt, wenn man muß. Denn Autofahren verringert die Ressourcen unseres Planeten an aufgespeicherter Energie in Form von Erdöl unwiderruflich, während das Radfahren nur Energie verbraucht die durch Essen und Trinken sofort wieder aufgefüllt werden kann. Auch deswegen ist das Rennrad die Krone der nichtmotorisierten Maschinen weil der Mensch sich selbst nicht ökonomischer von A nach B bewegen kann. Nicht einmal zu Fuß geht das..