Archive for Oktober, 2011

„Ich mag kein Mundstück!“

Montag, Oktober 24th, 2011

 

Mittlerweile bin ich auf der Neuen 3x draufgesessen – „reiten“ möchte ich das noch nicht nennen…

Ich hab meinen alten Malibaud Randonneursattel wieder entstaubt. Es ist der einzige Sattel von dem Natascha keinen Gurtdruck bekommt, aber länger als 2 Std. kann man sie damit nicht reiten weil er in der Kammer etwas zu schmal ist. Mal gucken wie er der Neuen passt. Sie hat ja auch einen riesig breiten Rücken. Zudem ist er noch ziemlich kurz und muskulös. Neulich haben wir festgestellt dass die alten Ligeira-Decken (135cm) prima passen, mein „Achtsitzer“-Pony die für ihre Länge etwas kurze Beine hatte… Natascha die bestenfalls eine halbe Hand größer ist hat 155cm…

Ich hab eine spezielle Art meine Pferde im Gelände einzureiten, seit über 20 Jahren. Man braucht dazu ein älteres braves Reitpferd das auch sehr gut – fleissig, nicht faul! – als Handpferd geht. Und man muss das Jungpferd bereits zuverlässig als Handpferd geschult haben. Die Methode ist eigentlich ganz einfach und besteht darin, auf einer Strecke die das Jungferd bereits gut kennt, nach etwa 2/3 der Strecke, also bereits wieder auf dem Heimweg, einfach umzusatteln und die Pferde zu wechseln. Jetzt reitet man einfach los, treibt ggf. das „neue“ Handpferd etwas vorwärts, und hat dann auch keine Probleme mit Richtungswechseln etc., weil dem Jungpferd der Heimweg ja schon bekannt ist. Beim ersten Mal bleibt man nicht länger als 15 Min. im Sattel des Neuen…

Die Neue macht auch erwartungsgemäß keine Probleme. Zwar macht sie einige Schritte beim Aufsteigen – ich wiege leider doch 80kg – aber sie neigt nicht dazu loszurennen sondern wartet erstmal ab was passiert. Ein „Ho-Pferd“, kein „Go-Pferd“. Bei Arabern sind das meistens die besseren. Und dann stiefelt sie los, mit Siebenmeilenschritten. Der Rücken bewegt sich wie bei einem Kamel. Bequem ist was anderes. Traben geht besser, wobei ich etwas leichttrabe. Beim dritten Mal lasse ich sie sogar ein paar Galoppsprünge machen, lang und locker. Dann sind wir leider an einer Linksbiegung falsch abgebogen und ich muss sie wieder abbremsen. Tja, ich hab Natascha auf die falsche, linke Seite genommen, und die Neue hat einen deutlichen Rechtsdrall.

Bisher hab ich kein Problem damit sie mit dem feinen Araberhalfter zu reiten, den dicken (14mm) Strick als Zügel unten eingeschnallt. Anfänge von Neckreining (außen angelegtem Zügel zur Richtungsänderung), fast jedes Pferd kapiert das. Heute will ich ihr erstmals eine Trense einschnallen und entscheide mich für das KK-Ausbildungsgebiß, was ich aber eigentlich normalerweise nicht zur Ausbildung benutze sondern eher um etwas „schwierige“ Pferde zu reiten die noch nicht ganz kandarenreif sind, oder in der Gruppe als Handpferd mitzuführen. Die „Neue“ hat aber trotz 9 Jahren, nach ihrem ganzen Gehabe, offensichtlich noch nie ein Gebiß im Maul gehabt und veranstaltet eine Viertelstunde lang ein fürchterliches Gekaue und Gesäge. Ich kann es mit Karabinern nicht ins Halfter schlaufen weil sie gleich versucht es auszuspucken oder die Zunge drüber zu nehmen. Es muß weiter hinten sitzen. Dann reite ich gleich zügig los und treibe die Neue an damit sie abgelenkt ist. Sie kaut und sägt und guckt unglücklich dabei. Nach 20 Minuten trägt sie es endlich ruhig einfach im Maul mit. Der Handpferdestrick ist nach wie vor am Halfter eingeschnallt.

Manche Reiter lieben ja wenn ihre Pferde ein Riesen-Gekaue am Gebiß veranstalten und der Schaum schon Blasen schlägt, als wären sie tollwütig. Anlehnung und Aufmerksamkeit dem Reiter gegenüber ist aber was ganz anderes! Nie werde ich vergessen wie Ligeira mir auf einem 80km-Distanzritt, nach 4 Std. oder 2/3 der Strecke, auf eine Pfütze zugaloppierend mit einem ganz leisen „knurps-knurps“ auf der Kandare meldete: „ich hab Durst!“ und dann, nachdem ich mich schnell im Sitz zur Parade aufgerichtet, froh dass meine „Wüstenstute“ endlich zu trinken geruhte, sie das als ebenso schnell als Erlaubnis verstand und eine Vollbremsung hinlegte dass um uns der Staub flog!

Mit der Neuen bin ich von sowas natürlich noch Jahre entfernt. Nach einer Stunde wird umgesattelt, und wir machen unseren bisher längsten „Ritt“ von fast 40 Minuten. Und alles Gespür im Hals für angelegte Zügel ist verschwunden; zur Richtungsänderung muss ich ihr den Kopf am Zügel in die Richtung ziehen wo ich hinwill, so richtig trensenpferd- und büffelmäßig. Anscheinend kann sich das Pferd nicht gleichzeitig oder kurz hintereinander auf „Hals“ und „Maul“ konzentrieren obwohl die Neue doch sonst so helle ist. Als ich die letzten 10 Minuten bergab zu Fuß gehe schnalle ich ihr zur Belohnung gleich das Gebiß wieder aus und sie guckt mich richtig freudestrahlend an, dass die Marter endlich vorbei ist. Das machen wir beim nächsten Mal wieder anders…!