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Adolfo Suárez – ein Held der europäischen Demokratie – und Spaniens Chancen nach dem Königswechsel

Mittwoch, Juni 4th, 2014

König Juan Carlos dankt ab. Wie man jetzt von ahnungslosen Kommentatoren öfters hört, obwohl das ja ein Widerspruch in sich ist für einen König, „der Vater der spanischen Demokratie“.
Ohne seine nicht geringen Verdienste schmälern zu wollen: Ohne seinen Premierminister hätte Juan Carlos nichts erreicht, wirklich gar nichts. ADOLFO SUAREZ, der vor 2 Monaten starb, war einer meiner Helden. Einer der Größten. Und wird es immer bleiben. Er war der Vater der spanischen Demokratie. Politiker seines Formats gibt es heute nicht mehr. Sein Lebensweg lehrt, wie Menschen sich zum Guten verändern und in ihren Aufgaben wachsen können. Und wie sie, trotzdem sie unendliches bewirkt haben, manchmal tragisch enden.

Adolfo Suarez

Kann sich jemand noch vorstellen dass es in Europa – soweit man Spanien (damals nicht mal in der EG) überhaupt dazu zählte und nicht, wie einige hier, noch für eine Eseltreiber-Nation hielt – vor nicht mal 40 Jahren noch eine blutige faschistische Diktatur gab, gegen die der Stasi-und Zuchthaus-Staat DDR richtig gemütlich war? – Das Ende dieser Diktatur und der friedliche Übergang Spaniens zur Demokratie als das politische Großereignis der späten 70’er brachten mich dazu Zeitungen und politische Magazine zu lesen. Meine Sympathie und mein Mit-Bangen mit diesem Mann und seiner demokratisch gewählten Regierung, bekämpft von allen Seiten, von Kapitalinteressen und vom Militär, der im Land mächtigen Kirche, weil er deren fetten Pfründe und die Strafbarkeit der Abtreibung abschaffte, und dazu noch vom Terror der Separatisten in Nord und Süd – gleichwohl immer um Ausgleich bemüht, was sich letztlich als der richtige Weg erwies – all dies machte mich zum Demokraten und Europäer. Und obwohl ich nicht Politiker geworden bin, wird das wohl immer so bleiben!

Ein mutiger Mann, klares Denken, klare Sprache, niemals verzettelt in Kleinlichkeiten oder Halbheiten: Verfassung und Strafgesetze wurden nicht bloß „ein bißchen“ reformiert, sondern so, dass es bis heute passend ist. Es gab nicht nur „ein bißchen“ Presse- und Meinungsfreiheit. Legendär, wie er den spanischen Kommunistenchef, der sich illegal im Land aufhielt, verhaften liess. Alle fragten sich, was nun passiert: Nichts, er wurde nach ein paar Tagen freigelassen und bekam einen Pass. Man kündigte an, es werde ein Gerichtsverfahren geben, wegen der Vorwürfe gegen ihn (Landesverrat und das übliche, was rechte Hardliner Kommunisten so vorwerfen). Natürlich gab es nie einen Prozeß, und zwei Monate später waren die Kommunisten eine ganz normale erlaubte Partei.

Er konnte den francistischen Machtapparat so gut erledigen, weil er ihn von innen heraus durch und durch kannte – und weil die, denen er die Macht wegnahm, ihm vertrauen konnten, nicht am nächsten Tag gelyncht zu werden oder im Gefängnis zu landen. Auf allen Fotos von ihm sieht man, wie offen er auf alle Menschen zugeht. Der Mann schaffte es ein ganzes Land mitzureissen. Nur wo er allein auf den Bildern ist, wirkt er oft nachdenklich. Er gab dem modernen Spanien ein Gesicht. Die Frauen wählten ihn wegen seines blendenden, sportlichen Aussehens ebenso wie die Männer. Schauen Sie sich mal die modernen Politiker dagegen an. Ein heute fast vergessener europäischer Kennedy – der, wie man sagt, bevor er Premierminister wurde, noch nicht einmal sein Heimatland verlassen hatte. „Dumm wie der König“, schimpften einige zuerst sogar über ihn. Später bewegte er sich mit seinem typischen, gewinnenden Charme sicher auch auf internationalem Parkett, wurde von allen namhaften Regierungschefs aufs freundlichste empfangen und umworben, und zu einem wahrhaften Europäer.

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Besonders aussagekräftig sind die Bilder, die ihn mit seinem König zeigen. So leger wie auf der könglichen Yacht sah man Juan Carlos in der Öffentlichkeit nie. Suarez dagegen elegant wie immer, nur ohne Krawatte. Die beiden waren wirklich Freunde, ein politsches Dream-Team für ihr Land, und für Europa. Und Suarez war klar der begabtere, talentvollere von beiden, auch wenn Juan Carlos immer die Größe fehlte das einzugestehen. Ich suche noch nach dem Bild der beiden beim Tennis, das ich mal hatte. Dabei hatte der König diesen Premier sich nicht einmal wirklich aussuchen können. Er wurde ihm auf einer Auswahlliste von 3 Kandidaten präsentiert, von einem „Kronrat“ genannten, noch von der Diktatur eingesetzten Aufpasser-Stab. Unter den denkbar schlechtesten Voraussetzungen also trat dieser sein Amt an, und es wurden 5 Jahre die man zu den glanzvollsten der spanischen Geschichte zählen kann, auf die jedes Volk stolz sein könnte. „Wie man sich so täuschen kann!“ schrieb die Preisse Europas schon nach dem ersten halben Regierungsjahr, entsetzt über die eigenen Fehleinschätzungen…

Kann man sich vorstellen dass Politiker wie dieser (oder wie Willy Brandt) in unserem Politiksystem aus Mauschelei es überhaupt nur zum Dorfbürgermeister bringen, geschweige denn zum Staatschef? Kann da mehr als Mittelmäßigkeit und blöder Machtinstinkt herauskommen? Haben wir dann nicht genau die Politiker, die wir verdienen?

Spanien hat sich an seinem Grab wieder auf die Qualitäten zurückbesonnen, die ihr erster Premier mitbrachte. Im Tode war es ihm ein letztes Mal gelungen, sie alle zu vereinen, und nachzudenken ob es in der Gesellschaft nicht doch ein bißchen besser zugeht, wenn alle politischen Lager zusammenarbeiten anstatt gegeneinander zu kämpfen. Den Hauptstadtflughafen hätte man ruhig schon zu Lebzeiten nach ihm benennen könne, wie das einige 2009 vorgeschlagen hatten. Dass der König ihn, den Bürgerlichen, längst zum Herzog geadelt und mit den höchsten Auszeichnungen des Landes versehen hatte, war ebenso selbstverständlich und gerechtfertigt, wie das größte Begräbnis seit dem Tode Francos zu seinen Ehren. Vier Pferde zogen den Sarg, und trotz Präsenz der Uniformen keimten keinerlei Erinnerungen mehr auf an francistische Militärveranstaltungen, weil man sah, in den Uniformen steckten nun ganz normale Männer, leicht nervös und unwohl in der ungewohnten Rolle unter all der öffentlichen Aufmerksamkeit, und keine Killer mit Blut an den Händen. Da standen vier spanische Premiers vor seinem Sarg und wirkten gegen den Toten wie häßliche Zwerge. Da schleppte sich der König am Stock dahin, und muss wohl in diesem Moment begriffen haben, dass, selbst wenn die Verfassung das so nicht vorgehen hat, es nun auch für ihn Zeit sei einem Jüngeren den Platz zu räumen. Und selbst der Papst hatte ein Beileidstelegramm geschickt (es lag auch hinreichend Anlass vor, sich damit für die Haltung seiner Vorgänger zu entschuldigen).

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Wenn jetzt einige Spanier sogar ihre Monarchie abschaffen wollen, zeigt das in meinen Augen nur wie modern und „normal“ ihr Land geworden ist. Denn 1977 hat man den König vor allem aus Angst vor den Militärs und den Francisten behalten. Das zu entscheiden ist Sache der Spanier. Ich habe mir zum Anlass genommen, die Spanische Verfassung durchzulesen. Sie ist in vielem besser als die deutsche und beschreibt die Aufgabe des Königs als die eines Schiedsrichters, Mahners und Wächters über das Land, einschliesslich des militärischen Oberbefehls für den (heutzutage recht unwahrscheinlichen) Verteidungsfall. Das ist in meinen Augen kein schlechtes Mandat. Jede Gesellschaft gedeiht meines Erachtens besser, wenn sie so eine Figur hat. Egal ob der, der sie wahrnimmt, nun als König oder Präsident bezeichnet wird. Juan Carlos hat sie bloß in den letzten Jahren schlecht wahrgenommen. Er hatte seine größte Stunde am 23. Februar 1981, als er, der Oberbefehlshaber, putschende Armeeteile in die Kasernen zurückbefahl. Aber zweideutige Äußerungen desselben Juan Carlos hatten Suarez zuvor mit zum Amtsverzicht getrieben und die Putschisten vielleicht sogar ermutigt. Der operettenhaft durchgeführte Putsch hatte aber auch sein Gutes, denn er diskreditierte die Armee so, dass danach jegliche Ambitionen zur Machtübernahme für immer erledigt waren, zumal die Justiz mit den Putschisten rechtstaatlich und nicht einmal übertrieben streng umging, und den letzten verbliebenen Putschisten, nicht ohne dass dieser die demokratische Verfassung anerkannt hatte, nach 15 Jahren Gefängnis begnadigte (immerhin war im Verlaufe der Ereignisse kein Mensch verletzt oder getötet worden). Suarez saß, als der Putsch geschah, noch auf der Regierungsbank, und als die Putschisten die Abgeordneten mittels MP-Salven in die Decke des Congreso de los Disputados zwangen, sich vor ihnen auf den Boden zu werfen, blieb er einfach sitzen und zuckte nicht einmal bei den Schüssen. Wie außer ihm übrigens noch der Vizepräsident, der ein alter General war, und der Kommunistenführer. „Ich war damals Premierminister, und ich sagte mir, ein Premierminister tut das nicht“ erklärte er später – Sagte ich schon, dass er mein Held war, mit 16?

Gegen Regattasegeln in den Ferien ist bei einem König nicht das geringste einzuwenden. Aber auf Großwildjagd kann er immer noch gehen, wenn es an der Welt nichts mehr zu verbessern gibt. Hoffen wir für Spanien und für Europa, dass der Thronfolger die Figur hat, oder entwickeln wird, in diese großen, vielleicht sogar riesigen Fußstapfen treten zu können, und nicht müde wird Spanien daran zu erinnern, dass man nie aufhören darf um die Werte des Zusammenlebens, Demokratie und Solidarität zu kämpfen. Ein Adolfo Suarez hätte das Format dazu gehabt, wenn Spanien eine Republik statt einer Monarchie wäre, und er nicht seine letzten Jahre im Dunkel des Vergessens zugebracht hätte.

MARIAN SUAREZ